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Anbau und Vorzucht

Geilwuchs bei Pflanzen

Vielen, vorallem neue Hobbygärtner wundern sich jedes Jahr, warum ihre aus Samen selbstgezogenen Setzlinge plötzlich damit anfangen, sehr stark in die Länge nach oben zu wachsen, und im schlimmsten Fall dann irgendwann umknicken. Dieses Phänomen nennt man auch Geilwuchs oder Vergeilen.

Nein, das hat in diesem Sinne nichts mit „Geilheit – Boa sind die Pflanzen geil“ zu tun. In diesem Fall meint man mit Vergeilung das Phänomen bei Pflanzen, extrem in die Höhe zu schießen. (Siehe Bild).

Doch warum passiert es, dass die Pflanzen vergeilen?
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Eine kurze Erklärung:

Hauptursache beim Geilwachstum von Pflanzen ist die große Differenz zwischen der vorhandenen Wärme und dem Licht. Gerade in den Wintermonaten ist es bei uns im Haus am Fenster viel zu warm, und es kommt viel zu wenig Licht zur Pflanze. Daher wächst die Pflanze sehr stark nach oben (hin zur Sonne bzw. zum Licht), um an möglichst viel Licht zu kommen. Dabei bildet sie jedoch keine dicken Stängel oder Wurzel. Folge: Sie knickt irgendwann um und stirbt ab. Sie verhungert förmlich.

Tipps gegen das Geilwachstum von Pflanzen findet man unten in diesem Beitrag.

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Eine ausführliche Erklärung:

Um den Prozess der Vergeilung zu verstehen, muss man sich zuerst in die Pflanze hineinversetzen und die Frage klären, was die Pflanze überhaupt zum Leben braucht. Die Bedürfnisse der Pflanze sind wie bei uns Menschen auch sehr vielfältig. Unter Anderem benötigt sie Licht, Wasser, Wärme, CO2, Sauerstoff und Mineralstoffe. Gerade von dem Licht können manche von ihnen nie genug haben, denn Licht ist für die Pflanze lebenswichtig, um Photosynthese betreiben zu können und um dadurch Kohlehydrate zu erzeugen.

Jetzt ist es so, dass gerade in den Winter und Frühlingsmonaten sehr wenig Licht zur Verfügung steht. Theoretisch ist dies für die Pflanzen draußen, die an unser Klima angepasst sind und natürlich wachsen, auch absolut kein Problem, da es zu dem wenigen Licht in den Winter und Frühlingsmonaten auch noch recht kalt ist. Durch die Kälte weiß die Pflanze, dass es jetzt noch nicht der richtige Zeitpunkt zum Keimen ist. Würde die Pflanze bei dieser kälte jetzt keimen, wäre das ihr sicherer Tod. So wartet die Pflanze nun auf den richtigen Keimzeitpunkt, bis es wieder wärmer ist.

Die Pflanze weiß also:

Dieses Diagramm ist nicht 100%ig fachlich korrekt. Man kann natürlich das Licht und die Wärme nicht bis ins Unendliche steigern. Aber um zu demonstrieren, wie es in der Natur normalerweise gang und gebe ist, eignet es sich hervorragend. Man hat sehr kalte und dunkle Monate wie den Dezember und dann zum Beispiel wärmere und hellere Monate wie den Mai.

Um dies zu verstehen ist ein kleiner astronomischer Exkurs notwendig: Die Erde besitzt eine Neigung von 23,5 Grad zur Senkrechten. Nun treffen in den kälteren Jahreszeiten die Strahlen in einem schrägeren Winkel auf die Erdoberfläche als in den wärmeren Jahreszeiten. Dadurch legen sie einen weiteren Weg zurück und verlieren an Energie und somit auch an Wärme. Der Winkel hat auch zur Folge, dass es bei uns im Winter zum Beispiel nicht so lange hell ist wie im Sommer. In der warmen Jahreszeit kann man beispielsweise um 9 noch auf dem Balkon sitzen und braucht kein Licht, während das Ende Dezember natürlich undenkbar ist. Desto nördlicher und desto südlicher man vom Äquator kommt, desto extremer ist dieses Verhalten. Wenn man direkt auf dem Äquator steht, merkt man davon praktisch nichts. Tag und Nacht sind gleich lang. Außerdem herrscht eine relativ konstante und warme Temperatur über das gesamte Jahr.

 

Wir wissen also: Desto wärmer es draußen ist, desto mehr Licht gibt es auch. (Wenn man die anderen Faktoren des Klimas wie z.B. Wolkenbildung, Hang und Tallagen usw. nicht beachtet.)

Nun kommt aber der Knackpunk, warum das bei uns nicht so funktioniert, wie wir das oft gerne hätten:
Die Pflanzen sind an die Natur angepasst.. Wir verhalten uns „unnatürlich“, indem wir sie bei uns in den warmen und beheizten Wohnungen vorziehen bzw. wachsen lassen. Bei manchen Pflanzen wie der Tomate ist dies allerdings notwendig, da diese Pflanzen ansonsten in unseren Breitengraden nur sehr schwer ausreifen und Früchte bilden würden, wenn man sie erst zur frostfreien Zeit mitte Mai raussetzt..

Durch die Wärme in unseren Häusern (wir heizen ja auch im Winter kräftig und haben im Durchschnitt 20 Grad) „denkt“ die Pflanze nun, es ist Frühjahr und geht dementsprechend davon aus, dass es jetzt auch wieder mehr Licht geben müsste. Sie keimt also und wächst. Doch plötzlich stellt sie fest: Mensch, sag mal, es ist doch so warm, warum fehlt mir dann Licht? Was ist da los?

Nun gibt es unter den Pflanzen auch eine Art Konkurrenz um das Licht. Die Pflanze, die es als erstes schafft, möglichst schnell möglich hoch zu wachsen und die anderen Pflanzen zu beschatten, hat die beste Überlebenswahrscheinlichkeit. Das ist wie mit dem Essen bei uns Menschen – wer am meisten bekommt, hat die besten Überlebenschancen und wer nichts bekommt, der verhungert.

Die Pflanze fürchtet sich nun sehr, dass sie verhungern muss, weil andere Pflanzen sie überwachsen könnten. Daher schaltet sie in eine Art Notprogramm: Die eigene Gesundheit und Stabilität ist ihr jetzt egal. Normalerweise würde sie jetzt schöne große Blätter anlegen, eine kräftige Wurzel und einen kräftigen Stängel bilden und langsam und stabil nach oben wachsen. Durch diese Angst, dass andere Pflanzen oder Objekte sie überschatten könnten, wächst sie jetzt extrem schnell nach oben (sie versucht damit, die „Gegnerpflanzen“ einzuholen, Ziel ist also, möglichst schnell Richtung Sonne zu kommen, um mehr Licht zu bekommen), bis sie irgendwann umknickt, weil sie alles auf die Höhe gesetzt hat und nichts auf die Stabilität.

Natürlich gibt es bei unserer Pflanze zu Hause keine „Gegnerpflanzen“, allerdings ist der Zusammenhang in ihrer Genetik eingespeichert, dass es durch die vorhandene Wärme auch viel Licht geben müsste.

Der Grund für den Geilwuchs ist also die Differenz zwischen Wärme und Licht. Es herrscht in unseren beheizten Wohnräumen viel zu viel Wärme in Relation zum vorhandenen Licht.

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Tipps gegen Geilwuchs bei Pflanzen:

1. Die eigenen Pflanzen kennen und sich Informationen besorgen.

Jede Pflanze ist in ihrem Wachstum und in ihrer Anatomie anders. Es gibt Pflanzen, die brauchen weniger, dann gibt es Pflanzen, die brauchen mehr Licht. Außerdem hat der Geilwuchs bei verschiedenen Pflanzen verscheidene Auswirkungen. Es gibt Pflanzen, die erholen sich schnell, sobald sie wieder an genug Licht kommen. Dann gibt es natürlich auch Pflanzen, die sich nicht mehr erholen, wenn sie einmal zu hoch gewachsen sind und keine vernünftige Grundlage (Wurzel, dicker Stängel usw.) gebildet haben.

2. Die Temperatur senken

Wenn die Temperatur niedrig ist, arbeiten auch die Enzyme in der Pflanze dementsprechend langsamer (RGT-Regel). Folglich kann die Pflanze bei fehlendem Licht nicht so stark geilen wie bei wärmeren Temperaturen.

3. Für mehr Licht sorgen

Ein guter Standpunkt für Pflanzen in den dunklen Monaten ist meist ein relativ kühler und heller Platz an einem Südfenster. Dies könnte zum Beispiel auf einem unbeheizten Dachboden der Fall sein. Außerdem kann man die Pflanzen zusätzlich mit Kunstlicht beleuchten. Mittlerweile gibt es recht gute LED Pflanzenlampen, die auf das benötigte Farbspektrum unserer grünen Freunde angepasst sind. Funktionieren würde auch die Schreibtisch-Energiesparlampe. Eine Leutstoffröhre ist ebenfalls geeignet – wenn nicht sogar die günstigste Lösung. Man sollte allerdings aufpassen, dass man die Lampe nicht zu dicht an die Pflänzchen bringt, da es je nach Lampentyp direkt darunter sehr heiß werden kann.

Eine Idee für die Vorzucht von Pflanzen (z.B. Chillis und Tomaten) wäre auch eine Art Minigewächshaus mit Beleuchtung. Wir sind damit jedes Jahr mehr als zufrieden.

4. Auf keinen Fall düngen

Der größte Fehler, der gemacht wird ist, die Pflanzen im Winter zu düngen und zu hoffen, dass man damit den Geilwuchs verhindern kann. Es tritt eher das umgekehrte Ereigniss ein. Die Pflanze hat jetzt noch mehr Nährstoffe, und kann so noch schneller nach oben wachsen. Düngung im Winter ist für viele Pflanzen tödlich.